Auf Niedersachsens größter Rohrkolben-Anbaufläche wird die Zukunft nasser Moore erprobt – Fachleute zeigten bei einem Feldtag in Bad Bederkesa, wie aus Rohrkolben eine Gartenbau-Alternative zu Torf werden kann.
Was haben rosa Plastikflamingos, Gummistiefel und prächtig blühende Petunien gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig. Doch in Bad Bederkesa erzählten sie letzten Samstag davon, wie Klimaschutz und Landwirtschaft zusammenspielen und neue Perspektiven für die regionale Wertschöpfung entstehen. Hier wird erprobt, welche landwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten nasse Moorböden bieten, ohne sie trockenzulegen – und wie sich der darauf wachsende Rohrkolben als wertvoller Rohstoff für den Gartenbau einsetzen lässt. Einen Einblick in die praktische Umsetzung gaben die Projekte RoNNi und Paludi & Markt bei einem gemeinsamen Informations- und Feldtag am vergangenen Samstag.
Im Mittelpunkt stand dabei ein Polder am Bederkesaer See, der im Rahmen des FNR-geförderten Projektes RoNNi eingerichtet wurde. „Um einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und gleichzeitig künftigen Wohlstand und neue Wertschöpfungsperspektiven zu sichern, braucht es Modell- und Demonstrationsvorhaben wie RoNNi, in denen an alternativen Nutzungskonzepten auf nassen Moorstandorten geforscht wird.“ Mit diesen Worten ordnete Christopher Straeter vom ML Niedersachsen die Bedeutung des Vorhabens in seinem Grußwort ein.
Doch wie wird aus einer Pflanze, die auf nassen Moorböden wächst, ein wertvoller Rohstoff? Hauke Schneider, vom 3N Kompetenzzentrum und Projektkoordinator bei RoNNi, gab einen Einblick in die Entwicklung des Rohrkolbenanbaus in Deutschland. In den vergangenen 25 Jahren haben Projekte wie Paludi-PRIMA oder NAPALU wichtige Erkenntnisse zum Rohrkolbenanbau geliefert, zum Beispiel zum Wasser- und Nährstoffmanagement. Damit sich diese extensive Landwirtschaft etablieren kann, muss die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick genommen werden. Wie das im Gartenbau funktionieren kann, untersucht das deutsch-niederländische Interreg-Projekt Paludi & Markt. Projektleiter Dr. Gert-Jan van Duinen von der Stichting Bargerveen zeigte in seinem Vortrag, dass sogar eine Kaskadennutzung des Rohrkolbens denkbar ist – zunächst als Baustoff und später als Bestandteil eines Gartenbausubstrats. Auch Dr. Christian Frerichs berichtete von seinen Versuchen mit Rohrkolben als Substrat and der Hochschule Osnabrück. Die bisherigen Ergebnisse machen deutlich, dass Rohrkolben das Potenzial hat, einen Beitrag zu alternativen, torfreduzierten Gartenbausubstraten zu leisten. Das ist eine wichtige Perspektive, denn mit der Torfminderungsstrategie der Bundesregierung wächst der Bedarf an alternativen Substratkomponenten. Im kommenden Jahr wird Herr Frerichs die Versuche an der Hochschule Osnabrück im Rahmen von RoNNi fortführen. Wie überzeugend die Ergebnisse bereits heute sein können, zeigte er ganz praktisch: Mitgebrachte Petunien machten anschaulich, wie gut Pflanzen in Substraten mit Rohrkolbenanteilen wachsen können.
Nach den Vorträgen ging es in Gummistiefeln hinaus auf die Anbauflächen. Die RoNNi-Projektpartner Elisabeth Schwertfeger von der Naturschutzstiftung Cuxhaven und Heiko Ullrich, Stadt Geestland, berichteten dort von ihren bisherigen Erfahrungen beim Anbau. Dabei zeigte sich auch die Bedeutung von Abwehrmaßnahmen zum Schutz der Flächen. Auf dem Polder des bereits abgeschlossenen Projektes PaludiFarming, der direkt neben dem Kurpark in Bad Bederkesa liegt, übernehmen diese Aufgabe unter anderem rosa Plastikflamingos. Unter ihrem Schutz sprießen die Rohrkolben-Pflanzen nach einer Gänsekalamität im letzten Jahr nun wieder in saftigem Grün. Diese und andere Erfahrungen fließen in die Bewirtschaftung des neuen RoNNi-Polders ein, um die Projektpartner mit Material für die Produktentwicklung von Rohrkolben-Gartenbausubstrat und -Baustoffen zu versorgen.
Das Projekt RoNNi (FKZ 2222MT006) wird gefördert durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat aus Mitteln des Sondervermögens Klima- und Transformationsfonds durch den Projektträger Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR).
Das Projekt Paludi & Markt wird im Rahmen des Interreg VI-Programms Interreg Deutschland-Nederland durchgeführt und von der Europäischen Union, dem niederländischen Wirtschaftsministerium (EZK), die Niedersächsische Staatskanzlei sowie den Provinzen Fryslân, Drenthe und Gelderland kofinanziert.